Auf Herz und Nieren

Warum es wichtig ist, dass es die EUTB gibt:

Text: Sven Günzel

Es gibt Anfragen an die EUTB, über die wir uns wundern. Und es gibt Beratungen, bei denen wir fassungslos sind. Ein Beispiel dafür ist der folgende Fall:Vor einigen Wochen kam eine Frau zu uns, die ihre Erwerbsminderungsrente beantragen wollte. Der Beratungstermin war schnell vereinbart und was wir zu hören bekamen, war unglaublich: Der Ehemann der Ratsuchenden hat sich vor 15 Jahren von ihr getrennt. Kurz darauf bekam sie eine neue Herzklappe und lag nach der Operation sechs Wochen im Koma.

Kaum war die Frau wieder auf den Beinen, ging sie zurück in ihren körperlich anspruchsvollen Job, in Vollzeit natürlich. Kurz darauf begannen ihre Nieren zu schwächeln und auch ihre Herzfunktion verschlechterte sich im Laufe der Jahre, sodass sie auf eine Transplantationsliste gesetzt wurde.Die Scheidung kam 2012, aus der Beziehung blieben ihr die Kleider, die sie am Leib trug, und eine Schlafcouch, Mann und Kinder wandten sich von ihr ab.

Im darauf folgenden Jahr fand die Herztransplantation statt. Nach einem halben Jahr im Krankenhaus, in dem sie psychologische Unterstützung hinsichtlich der Transplantation und des neuen Organs bekam, ging die Ratsuchende wieder – vollzeitig – arbeiten. Sie wolle auf keinen Fall „blau machen“.

Nach mehrmaligem Verkauf der Firma und umfangreichen Entlassungen, erlitt sie letztes Jahr einen Herzinfarkt. Der sollte nun in dem Krankenhaus, in dem die Transplantation stattgefunden hatte, mit einem Kathetereingriff behandelt werden und das in Mitleidenschaft gezogene Gewebe entfernt werden.

Während des Beratungsgesprächs haben wir die Ratsuchende als schwer niedergedrückt erlebt. Ihr Gesicht war aschgrau, das Pflichtbewußtsein hinsichtlich ihrer Arbeit jedoch ungebrochen. Sie wolle auf keinen Fall „krank feiern“, deswegen fand das Gespräch auch nach der Arbeit statt.

Nach dieser unglaublichen Vorgeschichte haben wir die Ratsuchende auf eine Spezialdisziplin in der Humanmedizin, die Psychokardiologie, aufmerksam gemacht, die sich mit dem wechselseitigen Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und Herzerkrankungen befasst.

Wir haben psychokardiologische Kliniken herausgesucht, in denen sie eine medizinische Rehabilitation durchführen und sich danach um einen etwaigen Rentenantrag kümmern kann.

Weiterhin haben wir ihr nahe gelegt, sich psychotherapeutisch unterstützen zu lassen. Institutionen wie das Deutsche Herzzentrum in Berlin bieten ihren Patienten eine umfangreiche psychotherapeutische Begleitung an, von der psychologischen präoperativen Betreuung bis zur– gegebenenfalls lebenslangen – ambulanten Nachsorge. Und wir haben der Ratsuchenden jeweils eine Selbsthilfegruppe für Herz- und Nierenerkrankungen vermittelt.

Auf die Frage nach dem Für und Wider von Psychopharmaka, konnten wir persönliche Erfahrungen beisteuern und haben die Ratsuchende ermutigt, sich hinsichtlich dieser Entscheidung von niemanden beeinflußen und in keine Richtung drängen zu lassen, es geht schließlich um ihr seelisches Wohlbefinden und sie alleine weiß, was ihr gut tut. Weder ein Arzt, Therapeut noch sonst jemand kann ihr diese Entscheidung abnehmen, obwohl das gerne versucht wird.

Das Gespräch hat knapp zwei Stunden gedauert und die Rückmeldung hat uns ebenso bewegt, wie die ganze Vorgeschichte der Ratsuchenden. Sie fühle sich gestärkt, optimistisch und sehe ihren persönlichen Silberstreifen am Horizont. So viel Zeit habe sich noch niemand für sie genommen. Und die Beratung habe ihr wieder neuen Lebensmut gegeben.

Und genau deshalb sollte die EUTB entfristet werden und bestehen bleiben.